Online Vortragsreihe

Mehrsprachigkeit und Bildung in Österreich – historische und sozial­wissenschaftliche Perspektiven

20.4. | 4.5. | 18.5. | 1.6.2021
17:15–18:45 Uhr

wir bitten um Anmeldung zu den einzelnen Vorträgen bis spätestens am Vortag unter mehrsprachigkeit.biwi@univie.ac.at

Mehrsprachigkeit hat den Prozess der Verstaatlichung des Bildungswesens in Österreich seit Anbeginn begleitet und mitbestimmt. Entsprechend kontrovers werden in der Öffentlichkeit tagesaktuelle Debatten um Mehrsprachigkeit im Kontext von Bildung geführt. Dabei geht es unter anderem um Fragen der Verortung und Hierarchisierung von Sprachen in schulischen Curricula, ihrer Verwendung im Unterricht und in der Kommunikation zwischen verschiedenen schulischen Akteuren sowie um das Exklusionspotential, das Sprache als Differenzkonstruktion innewohnt. Hochaktuell, wenn auch alles andere als neu, ist die Diskussion um das Verhältnis von „nationalen“ Zentren zu regionalen „Peripherien“ sowie um die Förderung von nicht-dominanten Sprachen in bestimmten regionalen Kontexten und für bestimmte Gruppen.

Das Ziel dieser Vortragsreihe ist es, den Dialog zwischen der historischen und der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Mehrsprachigkeit im österreichischen Bildungswesen anzuregen und dabei besonders methodologische Fragen zu erörtern. Expert*innen aus verschiedenen Fachgebieten (Geschichtswissenschaften, Historische Soziolinguistik, Germanistik, Mehrsprachigkeitsforschung) werden der Bedeutung von Mehrsprachigkeit am Beispiel des Bildungswesens Österreichs nachgehen.

Programm

Vorträge jeweils 17:15–18:45 Uhr

20.4.

Wie toleranzintendierte Sprachengesetze zur nationalen Segregation führten: Die Aushöhlung des deutschen Schulwesens in Plzeň / Pilsen im langen 19. Jahrhundert

Stefan Michael Newerkla 


4.5.

Mehrsprachigkeit an Habsburgischen Universitäten: Zwischen kulturellem Kampffeld und wissenschaftlicher Notwendigkeit

Jan Surman


18.5.

Österreichische Gebärdensprache, die Ausnahme von der Norm? Von kolonialisierten Schulen und unverständlicher Bildung

Verena Krausneker & Clara-Maria Kutsch


1.6.

Von Sprachenschutz und Sprachenfalle: Problemlagen und Potenziale von Minderheitensprachen am Beispiel Kärnten-Koroška und Südtirol-Alto Adige

Hans Karl Peterlini

Abstracts

Wie toleranzintendierte Sprachengesetze zur nationalen Segregation führten: Die Aushöhlung des deutschen Schulwesens in Plzeň / Pilsen im langen 19. Jahrhundert

Im angekündigten Beitrag werden ausgewählte Probleme der Mehrsprachigkeit in Böhmen im langen 19. Jahrhundert am Beispiel der sprachlichen Situation des ethnisch und religiös gemischten Gebiets der westböhmischen Stadt Plzeň / Pilsen und ihres Einzugsgebiets näher vorgestellt. Im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stehen dabei die Auswirkungen der eigentlich toleranzintendierten Regelungen des österreichischen Staatsgrundgesetzes aus dem Jahr 1867 sowie des österreichischen Reichsvolksschulgesetzes aus dem Jahr 1869 auf die Di- bzw. Polyglossie im Pilsener Schulwesen‚ die mit dem methodischen Instrumentarium der historischen Soziolinguistik analysiert werden.

Stefan Michael Newerkla

Mehrsprachigkeit an Habsburgischen Universitäten: Zwischen kulturellem Kampffeld und wissenschaftlicher Notwendigkeit

Universitäten gelten seit jeher als Orte der Mehrsprachigkeit. Derzeit mit Englisch als die mittlerweile beinahe universelle Zweitsprache, im 20. Jahrhundert vielleicht mit Russisch (Ost- und Ostmitteleuropa) als eine Alternative, vor 1918 mit Deutsch nebst jeweiligen lokalen Sprachen und davor mit Latein als Suprasprache. Jede dieser Konstellationen hatte ihre Partikularitäten und Vor- und Nachteile (für Studierende, ProfessorInnen und lokale intellektuelle Gemeinschaften) – die uns gegenwärtig als Orientierungshilfe dienen können – denn ähnlich wie im 19. Jahrhundert sind wir heute an multikulturellen Einrichtungen tätig, und es wird von uns zunehmend erwartet, dass wir in einer Sprache schreiben, die nicht unsere erste Sprache ist.

Ausgehend von der Habsburgischen Situation im 19. Jahrhundert, und dem Wechsel von Latein zu Deutsch und dann Deutsch zu jeweiligen Lokalsprachen, werde ich die Auswirkungen der jeweiligen Konstellationen auf den akademischen Alltag skizzieren. Dabei will ich sprachliche Dokumente aus unterschiedlichen Ebenen der Habsburgischen Universitäten berücksichtigen, von wissenschaftlichen Artikeln zu studentischen Inskriptionsscheinen. Im abschließenden Teil werde ich auf die Umgangspraxen mit Mehrsprachigkeit kommen und die Frage stellen, inwiefern Habsburgische Vergangenheit eine Gegenwartsrelevanz aufzeigen kann.

Jan Surman

Österreichische Gebärdensprache, die Ausnahme von der Norm? Von kolonialisierten Schulen und unverständlicher Bildung

Obwohl die erste spezialisierte staatliche Schule für taube Kinder in Österreich schon 1779 gegründet wurde, gibt es bis heute keinen Lehrplan für das Schulfach Österreichische Gebärdensprache (ÖGS). Und während die ÖGS sprachenpolitisch nur spät, langsam und zögerlich gestützt wurde und der Anpassungsdruck auf taube Gebärdensprachbenützer*innen zeitweise mit physischer Gewalt (Zwangssterilisationen) durchzusetzen versucht wurde, fand keine Assimilation und kein Linguizid zugunsten der deutschen Lautsprache statt. ÖGS besteht, entwickelt sich weiter und hat in vielen Domänen – besonders Bildung – eine unbestritten wichtige Funktion.

Sind andere Sprachminderheiten, wie z.B. die Kärntner Slowen*innen, massiv von Sprachwechsel geprägt und werden durch Assimilation laufend kleiner, ist das jedoch bei der österreichischen Gebärdensprachgemeinschaft nicht der Fall. Hingegen stehen für Gebärdensprachgemeinschaften weltweit andere Herausforderungen im Vordergrund, wie z.B. Medizin, Eugenik, spezifische Praxen der Pränataldiagnostik. All diese Faktoren spielen wiederum eine bedeutende Rolle bei Diskussionen zu Gestaltung von Bildungsangeboten für Menschen mit Hörbehinderungen und einer angemessenen gehörlosenpädagogischen Praxis.

Der Vortrag wird zweisprachig (Deutsch und ÖGS) gehalten bzw. simultan gedolmetscht

Verena Krausneker & Clara-Maria Kutsch

Von Sprachenschutz und Sprachenfalle: Problemlagen und Potenziale von Minderheitensprachen am Beispiel Kärnten-Koroška und Südtirol-Alto Adige

Kärnten-Koroška und Südtirol-Alto Adige sind keine leicht vergleichbaren Gebiete. Die historischen Bedingungen für die jeweiligen Minderheitengruppen sind, trotz einer gemeinsamen Geschichte, völlig unterschiedlich. Wohl gehörten beide Gebiete bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zur Donaumonarchie, der Verlust dieses Orientierungsrahmens wirkte sich aber durch den Anschluss Südtirols an Italien und den Verbleib Kärntens bei Österreich geradezu entgegengesetzt aus. Schutz und Erhalt der Minderheitensprache(n) nahmen – nicht unbedingt erwartungsgemäß – unterschiedliche Verläufe. Die Machtverhältnisse zwischen sogenannter Mehrheitsbevölkerung und Minderheiten sind drastisch ungleich, die Zugehörigkeit zu den jeweils größeren Sprachräumen war lange politisch, ideologisch und sogar konfessionell auseinanderstrebend. Österreich als gemeinsamer historischer Kreuzungspunkt ist für Kärnten-Koroška der rahmende und oft wenig sensible Nationalstaat, für Südtirol-Alto Adige eine beherzte und international legitimierte „Schutzmacht“. Gerade an dieser Verschiedenheit des Ähnlichen lassen sich interessante Fragen entwickeln: Wie gehen die beiden Räume mit Bürde und Geschenk der Mehrsprachigkeit um, was könnten die beiden Räume voneinander lernen, was lässt sich an beiden Beispielen über neue Herausforderungen des Minderheitenschutzes und der Mehrsprachigkeit angesichts jüngerer Migrationsphänomenen verstehen?

Hans Karl Peterlini